Stadtbücherei Geislingen

Seitenbereiche

Volltextsuche

Kontakt

Stadtbücherei in der MAG
Schillerstraße 2
73312 Geislingen
Tel.: 07331 24-270
Tel.: 07331 24-372
Fax: 07331 24-376
E-Mail schreiben

Medien - Tipps

Derb, schockierend, hochspannend, skurril: Die misslungene Desoto-Expedition

Franzobel: Die Eroberung Amerikas, Zsolnay 2021
Franzobel: Die Eroberung Amerikas, Zsolnay 2021

Diesen Buchtipp anhören: Blätterrauschen - der Podcast der Stadtbücherei Geislingen

Hernando de Soto, oder wie er im Buch heißt, Fernando Desoto hat 1532 mit Pizarro zusammen das Inkareich in Südamerika besiegt. Zuvor war er als Gefolgsmann des Gouverneurs von Panama am Slavenhandel beteiligt und mit beiden Unternehmungen reich geworden. Als er 1536 nach Spanien zurückkehrte war er berühmt und wurde als Held verehrt. Ruhm und Reichtum verhalfen ihm dazu, dass Kaiser Karl V ihn zum Gouverneur Kubas und zum kaiserlichen Stadthalter von Florida ernannte. Florida indes musst erst noch erobert werden. Desoto setzte sein Vermögen ein um die größte Expeditionsarmee nebst Flotte auf die Beine zu stellen, die je nach Amerika gesandt wurde. Fast 800 Männer, Soldaten, Handwerker, Priester, hunderte von Pferden, Kampfhunden und Schweinen – als lebender Proviant – bildeten seine Expedition. Das Ziel war das sagenumwobene Eldorado. Vier Jahre lang zog das Heer durch die südlichen Staaten der heutigen USA, Die Spanier gingen mit äußerster Brutalität vor. Gleichzeitig mussten die Angehörigen von Desotos Armee enorme Strapazen auf sich nehmen. Die für Europäer lebensfeindliche Natur und feindliche sog. Indianer führten auch bei den Spaniern zu dem Verlust vieler Menschenleben. Das Buch folgt, oft historisch korrekt, oft auch dichterisch ersonnen, dem Lebenslauf Desotos von der Kindheit an bis an die Ufer des Mississippi und zeigt dabei, wie ein ehemals empathischer Mensch durch die Brutalität seiner Zeit so gebrochen wird, dass er selbst zum Täter mutiert und nach und nach sein Gewissen verliert.
 
Das Buch begeistert mich nicht uneingeschränkt. Die ersten Drittel sind Franzobel hervorragend gelungen. Das letzte Drittel hat mich nicht vollständig überzeugt. Das sollte aber niemand vom Lesen des tollen Romans abhalten. Der Großteil des Werkes ist so wortmächtig, derb und schroff wie zuletzt bei „Das Floß der Medusa“. Franzobels humanistische Haltung, seine Kritik an der Unmenschlichkeit mit der Menschen damals und heute behandelt werden bleibt aber immer präsent und ist wichtig. Mir hat seine Idee nicht gefallen, den unterschiedlichen Indianerstämmen, mit denen die Desoto-Expedition in Kontakt kommt, verschiedene Regierungsformen unserer heutigen Welt zuzuweisen. Der Autor persifliert dabei Diktaturen oder überbordende Bürokratie. Das passt ins Werk, keine Frage, trifft aber hier nicht meinen Geschmack. Ansonsten gefällt mir seine Gabe unterschiedlichen Figuren ins Spiel zu bringen, die wiederum Anekdoten in die Handlung einstreuen und das Bild, das Franzobel hier malt, um viele Fassetten bereichern.
 
Wer „Das Floß der Medusa“ ebenso spannend fand wie ich und dabei die Härte des Buches aushalten konnte, erlebt mit „Die Eroberung Amerikas“ ein genauso starkes, eindrückliches Leseerlebnis. Das Buch ist dabei ein historischer Roman der gleichzeitig das popkulturelle Wissen der Leser*innen nutzt um die Handlung erlebbar zu machen. Protagonisten sehen etwa aus wie Robert Redford oder erfinden Cocktails und Baseball. Wer „Wassermusik“ von T.C. Boyle gut fand, wird „Die Eroberung Amerikas“ auch gerne lesen. Die Desoto-Expedition ist heute, im Gegensatz zu den berühmt-berüchtigten Eroberungen und Gräultaten von Cortez und Pizarro eher unbekannt. Auch diese Wissenslücke schließt das Werk.

(Benjamin Decker)