Gstrein, Norbert: Im ersten Licht, Hanser, 2026
Ein Jugendlicher wird von seinem Vater mit der Axt kriegsuntaglich geschlagen und erlebt den ersten Weltkrieg daher nicht am eigenen Leib. Nach dem Krieg freundet er sich mit einem Überlebenden an, der aufgrund starker Gesichtsverletzungen mehr oder weniger abgeschottet, mit anderen Versehrten in einer Villa zusammen leben. Trotz dieser Erfahrung entwickelt der junge Mann eine gewisse Leidenschaft für das Militärische, als wollte er eine Lücke in seinem Leben füllen, eine Schuld einlösen, Wiedergutmachung leisten für etwas, das er nicht zu verantworten hat. Seine ambivalente Verklärung des Militärs wird, als er später als Geschichtslehrer arbeitet, einen anderen jungen Mann, seinen Schüler, mit Begeisterung in die Wehrmacht eintreten lassen. Der Krieg in der Sowjetunion aber macht aus Helden schnell Täter. Später wird er auf das Schicksal eines englischen Soldaten aufmerksam - erst mit Orden dekoriert, dann wegen Feigheit exekutiert. Kunstvoll verwebt Gstrein die Leben der vier Männer. Adrian Reiter, die Hauptfigur, steht am Rand der Weltgeschichte und ist doch ebenso involviert, auch Passivität und Wegschauen entziehen den Einzelnen nicht aus seiner Verantwortung für das, was geschieht. Dabei ist Adrian Reiter keinesweg gefühlkalt oder unreflektiert. Seit er, durch den Axthieb des Vaters, förmlich aus dem Spiel genommen wurde, beobachtet er jedoch lieber aufmerksam, versteckt jedoch seine Gefühle, gerade auch im Umgang mit den Frauen in seinem Leben. Bis er Vivian trifft...
(Benjamin Decker)